„Man kann etwas bewirken“: OCB-Geschäftsführerin Gudrun Waggin im Gespräch
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Die Tabak Zeitung // Zum Jahresende scheidet Gudrun Waggin, langjährige Geschäftsführerin des Rauchbedarf-Spezialisten OCB Vertriebsgesellschaft, aus dem Unternehmen aus. DTZ sprach mit Waggin über ihre Erfahrungen der vergangenen Jahre, über ihren Nachfolger und über die Herausforderungen für die Branche.
Frau Waggin, wie lange arbeiten Sie schon in der Tabakwarenbranche und wie lange standen Sie an der Spitze von OCB?
Gudrun Waggin: Bei OCB bin ich seit 20 Jahren, in der Branche seit über 40 Jahren. Mit anderen Worten: Ich war nie in einer anderen Branche tätig.
Wenn Sie auf Ihre 40 Berufsjahre zurückblicken – welche drei Ereignisse haben die Branche am stärksten bewegt?
Waggin: Die Tabaksteuerentwicklung der vergangenen zwei Jahrzehnte hat die Branche massiv beeinflusst. Es ging darum, die Schere zwischen Feinschnitt und Fabrikzigaretten enger zu gestalten. Als ich in der Branche begann – damals in einem klassischen Feinschnittunternehmen, das heute zu BAT gehört – war der Unterschied noch gravierender. Die Schere wurde im Laufe der Jahre deutlich kleiner.
Beurteilen Sie die Entwicklung eher positiv oder negativ?
Waggin: Positiv ist: Wir haben es bislang geschafft, mit den Tabaksteuermodellen in Deutschland und auf europäischer Ebene ein gutes Gleichgewicht herzustellen. Aus meiner Erfahrung kann ich sagen, dass die Art von vernünftigem Tabaksteuermodell durchaus weitergeführt werden sollte.
Kommen wir zum zweiten Ereignis.
Waggin: Das ist die Verbreiterung der Produktprogramms durch unterschiedliche Packungsgrößen und Marken-Ranges. Für mich nicht unbedingt die beste Entwicklung, besonders im Hinblick auf den Handel, da es äußerst schwierig ist, das alles abzubilden. Aber die Industrie wollte mit verschiedenen Packungsgrößen Konsumenten dort abholen, wo sie gerade finanziell abzuholen sind. Das hat sich aus den wirtschaftlichen Gegebenheiten so entwickelt. Damit einher ging das Thema Stopfen – also Make Your Own. Auch hier hat die Industrie auf die zunehmende Preissensibilität der Verbraucher reagiert.
Und der dritte prägende Punkt?
Waggin: Die Tendenz zu zusatzstofffreien Erzeugnissen, die sich in den vergangenen Jahren verstärkt hat. Die finden wir eher im Roll-Your-Own-Segment der Dreher. Das Angebot ist nicht ausschließlich für preissensible Konsumenten gedacht – hier herrscht eine andere Denkweise. Es gibt eine sehr große Konsumentengruppe, die besonderen Wert auf Zusatzstofffreiheit, Umweltfreundlichkeit und natürliche Produkte legt. Auch wir bei OCB haben in den vergangenen zehn bis 15 Jahren großes Gewicht darauf gelegt.
Welche Innovationen zum Thema Nachhaltigkeit haben Sie konkret vorangetrieben?
Waggin: Wir waren sehr früh mit entsprechenden Artikeln am Start. Die erste Kategorie waren die Organic-Papiere, dann kamen die ungebleichten – die Unbleached. Mittlerweile haben wir Bambus- und Reis-Blättchen im Sortiment. Wir achten bereits bei den Rohstoffen darauf, dass es Material ist, das sehr schnell nachwächst, das aus Regionen kommt, wo der Anbau kontrolliert und zertifiziert ist. Die Bambus- und Reis-Papers sind unsere jüngsten OCB-Angebote, mit denen wir genau die Bedürfnisse der Konsumenten bedienen.
Wie kommen die Produkte an?
Waggin: Das dauert in unserem Sektor immer etwas länger als bei einer Fabrikzigarette mit riesigem Launch und ganz anderen Budgets. Aber man kann klar erkennen: Organische und ungebleichte Erzeugnisse spielen eine große Rolle, besonders für Cannabis-Konsumenten. Sie werden sehr gut akzeptiert. Die Verwender haben nicht nur beim Rauchen oder beim Cannabis-Konsum, sondern insgesamt in ihrem Leben eine Einstellung, bei der sie auch bei anderen Produkten des täglichen Gebrauchs darauf achten, welche Rohstoffe sie konsumieren und wie die Herstellungsprozesse aussehen.
Wie sieht es da mit gesetzlichen Vorschriften aus?
Waggin: Die spielen ebenfalls eine Rolle. Bei Lebensmitteln müssen Sie mittlerweile Bedingungen erfüllen, über die vor 15, 20 Jahren niemand nachgedacht hätte. In vielen Segmenten ist es gut, dass man darauf achtet, wo die Produkte herkommen und wie sie hergestellt werden. Dass das durch die deutsche und besonders europäische Gesetzgebung manchmal ad absurdum geführt wird, ist leider auch so.
Wenn Sie auf zwei Jahrzehnte OCB schauen – gibt es etwas, worauf Sie persönlich stolz sind?
Waggin: Es ist immer schwierig, wenn man zu so etwas aufgefordert wird. Aber in meiner Position muss man auch herausstellen können, was man positiv gemacht hat. Als ich vor 20 Jahren anfing, waren wir noch ein inhabergeführtes mittelständisches Unternehmen. Im Jahr 2007 wurden wir von Republic Technologies International übernommen, zu dem wir heute noch gehören.
Was hat sich durch die Übernahme verändert?
Waggin: Wir haben eine enorme Professionalisierung erfahren – bei Systemen, beim Personal und bei Abläufen. Das habe ich sehr stark vorangetrieben – auch, weil wir Kundengruppen bedienen wollten, bei denen bestimmte Anforderungen herrschen. Im Lebensmittelhandel und im Tabakwaren-Großhandel müssen Sie äußerst starken Anforderungen genügen, was Zertifizierungen betrifft.
Gibt es noch etwas, das Ihnen besonders wichtig war?
Waggin: Mein persönlicher Führungsstil: Für mich muss gute Führungsarbeit Menschen dazu erziehen, selbstständig zu arbeiten und zu denken. Ich gehöre nicht zu den Leuten, die sagen, heute machen wir das so oder so. Ich erwarte von meinen Mitarbeitern, dass sie Dinge selbst vorantreiben, antizipieren, wie sich Situationen und der Markt entwickeln, und sich in ihrer Arbeitsweise und Denkweise anpassen. Darauf habe ich großen Wert gelegt.
Fördern und fordern – dieser Zweiklang?
Waggin: Ja, so würde man es wahrscheinlich auf einem entsprechenden Seminar zusammenfassen. (lacht)
Ihr Ausscheiden bedeutet für das Unternehmen einen erheblichen Einschnitt. Die Nachfolge ist aber geregelt?
Waggin: Ja, meine Nachfolge wird Marc Fassbinder antreten, der seit elf Jahren bei OCB ist. Wir beide kennen uns aber sehr viel länger, da wir früher bereits gemeinsam im selben Unternehmen tätig waren. Elf Jahre bedeuten, dass er sehr lange Zeit hatte, sich nicht nur mit dem Unternehmen und den Abläufen zu beschäftigen, sondern auch zu sehen, wie ich Dinge gesteuert und geführt habe.
Da klingt ein Aber mit …
Waggin: Ja, denn jeder muss seinen eigenen Stil finden, seinen eigenen Weg gehen. Nichts ist schlimmer, als eine Kopie von irgendjemandem sein zu wollen. Das wird Marc Fassbinder auch nicht sein. Er wird seinen eigenen Stil und seine eigenen Ideen einbringen – und das ist genau das Richtige. Er hat den Vorteil, dass er nicht nur den Markt ausgezeichnet kennt, sondern auch unser Unternehmen und die Abläufe im Konzern, weil ich ihn schon früh eingebunden habe. Das wird eine Nachfolge, die sehr smooth ablaufen wird.
Sie sind in einem speziellen Segment tätig, in einem Marktumfeld, das stark durch NGP geprägt ist. Wie sehen Sie die Positionierung von OCB?
Waggin: NGP – Tabakerhitzer, E-Zigaretten, aber auch Pouches – haben nicht so einen starken Einfluss auf unsere Produkte. Wir bieten mit unseren Sortiment Komplementärprodukte für klassischen Feinschnitt.
Nicht nur …
Waggin: Stimmt, an der Stelle kann man mittlerweile offen sagen: Wir bewegen uns in einem Umfeld, wo die Teillegalisierung von Cannabis eine große Rolle spielt. Aus heutiger Sicht ist die Warengruppe nicht explosionsartig angestiegen – das belegen Statistiken. Aber aus eigener Erfahrung bei Messen und Events denke ich, dass es eine große Enttabuisierung gegeben hat. Das führt dazu, dass Sortimente auf unserem Gebiet viel breiter werden, da es Konsumentengruppen gibt, die sehr spezielle Vorstellungen haben, wie sie rauchen wollen.
Sehen Sie Chancen bei den neuen Produkten?
Waggin: Klassische NGP-Erzeugnisse berühren uns zurzeit nicht so stark. Was wir aber festgestellt haben: Konsumenten sind nicht mehr so festgelegt auf das Entweder-Oder. Viele richten ihr Konsumverhalten an der Situation aus. Sie nutzen in einer bestimmten Situation einen Tabakerhitzer, rauchen parallel aber auch eine selbst gedrehte oder eine Fabrikzigarette oder auch mal einen Joint. Das schließt sich nicht aus. Es ist nicht mehr so festgefahren wie früher.
Von außen könnte man denken: OCB macht RBA und hat mit Tabak und Nikotin direkt wenig zu tun. Aber auch Sie werden von Regulierung beeinflusst?
Waggin: Aus zweierlei Gründen: Erstens stellt der Handel an uns die gleichen Anforderungen wie an andere Hersteller der Tabakwarenbranche, weil da nicht immer eine große Unterscheidung stattfindet.
Und zweitens?
Waggin: Der zweite Punkt ist grundsätzlicher: Wenn ich an Altersgrenzen und Jugendschutz denke, haben wir uns immer an die gleichen Verpflichtungen gehalten wie sie für Tabakwaren gelten. Nicht, da wir das zwingend müssten. Man könnte sagen: Das ist kein Tabakprodukt, ihr verkauft nur Papier. Aber man muss ehrlich sein und fragen: Wofür ist das Papier? Es ist ausschließlich dafür gedacht, Tabakerzeugnisse zu konsumieren. Insofern haben wir uns auf selbstverpflichtender, freiwilliger Basis immer an solche Regulierungen gehalten.
Bis 2040 soll die EU rauchfrei werden. Wie sehen Sie die Zukunft für OCB?
Waggin: Die Zukunft für OCB ist dieselbe wie für tabakproduzierende Unternehmen. Wenn keine Zigaretten, kein Tabak mehr legal verkauft werden könnten, gäbe es auch die Sinnhaftigkeit unserer Artikel nicht mehr. Wir sind ganz klar ein Komplementärprodukt für Tabakwaren. Insofern hängen wir mit Gedeih und Verderb an den Regulierungen für Tabakwaren, die von europäischer Ebene auf uns alle zukommen.
Klingt das nicht ziemlich düster?
Waggin: Man kann nicht alles schwarzsehen. Es ist wichtig, auf politischer Ebene intensiv im Gespräch zu bleiben. Es gibt durchaus noch vernünftige Menschen auf der Ebene. Da muss man wirklich stark dran arbeiten.
Wie machen Sie das?
Waggin: Wir bei OCB haben uns vor längerer Zeit entschieden, dem Verband der deutschen Rauchtabakindustrie beizutreten. Das ist für mich logisch und konsequent, da das die Produkte sind, zu denen wir zwangsläufig gehören. Über den Verband machen wir politische Arbeit.
Ist ein Verband schlagkräftig genug?
Waggin: Gerade in letzter Zeit versuchen wir, den Schulterschluss mit anderen Verbänden zu üben – ich finde es wichtig, dass verschiedene Verbände aus unterschiedlichen Ecken, wo es ähnliche Interessen gibt, einen Konsens finden. An manchen Stellen haben wir vielleicht unterschiedliche Interessen, aber es gibt große Hauptinteressen, die uns einen und deshalb sollten wir an bestimmten Fronten gemeinsam kämpfen. Dass das heute mühsamer ist als vor 20, 30 Jahren, glaube ich. Aber ich bin positiv – ich glaube, man kann da etwas bewirken.
Sie halten ein rauchfreies Europa also für unrealistisch?
Waggin: Ein rauchfreies Europa 2040 kann ich mir, ehrlich gesagt, nicht vorstellen. Wenn man sich die Geschichte der Menschheit betrachtet – wie lange Menschen in welcher Form auch immer Tabak konsumieren – und parallel dazu betrachtet, zu welchem Ergebnis Verbote von Genussmitteln geführt haben, Stichwort Prohibition in den USA, dann müsste eigentlich jeder Mensch mit gesundem Menschenverstand darauf kommen, dass Verbotspolitik keine kluge Entscheidung ist. Sie bringt nichts, ist nicht zielführend und meines Erachtens auch nicht legitim.
Weil?
Waggin: Ein erwachsener Mensch kann sich zu vielen Dingen im Privatleben entscheiden, die vielleicht nicht gerade positive Auswirkungen haben – das ist seine Sache. Ich kann einen Menschen nicht komplett gängeln. Das wird zu nichts führen, höchstens zu unkontrollierten Märkten im Untergrund. Besonders bei Genussmitteln hat das den negativen Effekt, dass Sie Qualität nicht mehr überprüfen, Preise nicht regulieren können. Das hätte nur negative Auswirkungen.
Abschließend: Welchen Rat würden Sie der Branche für die kommenden Jahre mitgeben?
Waggin: Das ist eine schwierige Frage – wer bin ich, dass ich irgendjemandem etwas raten kann? Und jeder ist anders. Aber: Man darf neben aller Schwarzseherei, die teilweise berechtigt ist – es gibt erschreckende Szenarien, besonders bei der Regulierung – nicht vergessen, die Dinge positiv anzugehen. Ganz wichtig ist: In der Kommunikation bleiben, im Gespräch bleiben mit allen Beteiligten auf allen Ebenen. Es ist niemandem damit geholfen, wenn sich die Fronten verhärten. Das sehen wir leider auch aktuell in der Weltpolitik. Sich an den Tisch setzen, miteinander sprechen, Für und Wider abwägen – das hat immer mehr gebracht, als wenn man es so weit kommen lässt, dass man gar nicht mehr miteinander spricht.
Frau Waggin, herzlichen Danke für das Gespräch und alles Gute für Ihre persönliche Zukunft.
